Kenan Karamans leise Hoffnung auf die WM 2026 hat sich nicht erfüllt. Nationaltrainer Vincenzo Montella präsentierte am Montagabend das vorläufige 35-Mann-Aufgebot der Türkei. Der Kapitän des FC Schalke 04 steht nicht auf der Liste.
Für Karaman ist das sportlich bitter, aber keine völlige Überraschung. Zwar hatte der 32-Jährige nach dem letzten Heimspiel gegen Eintracht Braunschweig selbst bestätigt, dass es Kontakt zur Nationalmannschaft gab. Auch auf einer erweiterten Kandidatenliste soll sein Name gestanden haben. Der Sprung in den vorläufigen Kader blieb ihm am Ende aber verwehrt.
Der Grund liegt weniger in mangelnder Wertschätzung für seine Saison, sondern in der Ausrichtung des türkischen Aufgebots. Montella setzt auf eine Mischung aus internationaler Erfahrung, Topliga-Rhythmus und jungen Entwicklungsspielern. Zwölf der 35 nominierten Profis sind 25 Jahre oder jünger. Mit Hakan Calhanoglu, Arda Güler und Kenan Yildiz stehen zudem mehrere Spieler im Kader, die in europäischen Topligen regelmäßig auf höchstem Niveau gefordert sind. FIFA und türkische Medien berichten ebenfalls von einem 35er-Kader, der vor allem von Güler, Yildiz und Calhanoglu geprägt wird und bis Anfang Juni noch auf 26 Spieler reduziert werden muss.
Für einen Offensivspieler, der zuletzt im November 2021 für die Türkei auflief, war der Weg damit sehr eng. Karaman brachte eine starke Schalker Saison mit, aber keine aktuelle Rolle im Kreis der Nationalmannschaft. Genau das dürfte bei Montellas Entscheidung eine zentrale Rolle gespielt haben.
Dabei war die Hoffnung nicht aus der Luft gegriffen. Karaman war in dieser Saison der Fixpunkt des FC Schalke 04. 14 Tore, fünf Vorlagen, Kapitän, Aufstieg, Zweitliga-Meisterschaft und die Auszeichnung als Spieler der Saison. Sein Abschlussbild dieser Spielzeit war die Meisterschale in den Händen. Schalke beendete die Saison mit 70 Punkten und kehrt zurück in die Bundesliga.
Noch am Sonntag hatte Karaman die Situation nüchtern eingeordnet. „Falls ich nicht dabei bin, wünsche ich den Jungs alles Gute.“ Das klang weniger nach großer Erwartung als nach realistischer Hoffnung. Genau so ist die Entscheidung nun auch zu lesen: Karaman war wieder ein Thema, aber nicht nah genug dran, um Montellas Kaderplanung noch einmal aufzubrechen.
Auch der Vergleich mit den nominierten Deutschland-Legionären zeigt, woran es gelegen haben könnte. Salih Özcan von Borussia Dortmund, Can Uzun von Eintracht Frankfurt, Atakan Karazor vom VfB Stuttgart und Ozan Kabak von der TSG Hoffenheim schafften den Sprung in den vorläufigen Kader. Mit Kaan Ayhan steht zudem ein gebürtiger Gelsenkirchener im Aufgebot. Für Montella zählte offenbar stärker, wer zuletzt dauerhaft auf Erstliga- oder internationalem Niveau eingebunden war.
Bis zum 1. Juni muss der türkische Nationaltrainer seinen endgültigen 26-Mann-Kader melden. Neun Spieler werden also noch gestrichen. Für Karaman ist diese Phase allerdings nur noch Beobachtung von außen. Die Türkei trifft bei der WM in der Gruppe auf Australien, Paraguay und Gastgeber USA. Die Teilnahme ist für das Land besonders, weil es die erste WM seit 2002 ist. Damals wurde die Türkei Dritter.
Für Schalke ist Karamans Nichtnominierung aus verschiedenen Perspektiven zu sehen. Auf der einen Seite hätte eine WM-Teilnahme des Kapitäns die internationale Wahrnehmung des Aufsteigers weiter gestärkt. Auf der anderen Seite bekommt Karaman nun eine echte Pause nach einer langen und intensiven Saison. Für einen 32-Jährigen, der im kommenden Jahr wieder Bundesliga spielen soll, ist das kein unwichtiger Faktor.
Genau dort liegt jetzt die entscheidende Frage. 19 direkte Torbeteiligungen in der 2. Bundesliga sind eine starke Ansage. Aber die Bundesliga wird ein anderer Maßstab. Schalke wird weniger dominante Spielphasen bekommen, Gegner werden Fehler härter bestrafen und Karaman wird noch stärker daran gemessen werden, ob er auch unter höherem Druck produktiv bleibt.
Seine Schalker Saison verliert durch Montellas Entscheidung nichts an Wert. Im Gegenteil: Dass Karaman überhaupt wieder in den erweiterten Kreis der türkischen Nationalmannschaft rückte, sagt viel über seine Entwicklung und über Schalkes Aufstiegssaison aus.
Der WM-Traum ist vorerst geplatzt. Die nächste große Aufgabe wartet trotzdem: Karaman muss zeigen, dass seine Rolle als Schalker Führungsspieler nicht nur in der 2. Bundesliga funktioniert, sondern auch eine Etage höher.
Text: Marcel Schwering

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